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Kurswechsel Heft 3/2008: Ernährung und Ökonomie
Editorial Kurswechsel 3/08
Als wir im Frühjahr 2007 eingeladen wurden, das Kurswechselheft 3/2008 zum Thema Ernährung zu gestalten, dachte wohl kaum jemand, dass das Heft zum Zeitpunkt des Erscheinens, derart aktuell sein würde. Die Explosion der Lebensmittelpreise und die daraus folgenden Konsequenzen für Milliarden Menschen im Süden und auch für Millionen Menschen in Industrieländern, die aufgrund geringer Einkommen kaum noch das Auslangen finden, hat das Thema Ernährung und Landwirtschaft auch in unseren Breiten wieder auf die politische Tagesordnung katapultiert. Zudem wurde im April 2008 auch eine umfassende Evaluierung des IAASTD (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development) über die aktuelle soziale und ökologische Lage der Landwirtschaft publiziert. Diese wurde von UN-Institutionen und auch der Weltbank in Auftrag gegeben. Der Bericht stellt der industriellen Landwirtschaft ein vernichtendes Zeugnis aus und ruft die Regierungen zu einem ganzheitlicheren Zugang zur Landwirtschaft auf. Darin wird festgehalten, dass neben Ernteausfällen in Folge von Dürren oder Überschwemmungen auch zunehmend beobachtbar ist, dass Ernteerträge in jenen Ländern sinken, die jahrzehntelang industrielle Landwirtschaft betrieben haben. Bodenerosion, der Verlust der Bodenfruchtbarkeit und auch von Anbauflächen durch Versalzung der Böden, erhöhte Resistenz gegen Pflanzenkrankheiten und die Erschöpfung von Wasserressourcen sind Auswirkungen dieser Anbaupraxis, die sich negativ auf die Ernteerträge auswirken. Die Vorschläge und Empfehlungen des IAASTD Berichtes sind eindeutig: Es bedarf einer radikalen Trendwende: weg vom agroindustriellen Modell, hin zu einer kleinräumigen, biologischen Landwirtschaft.
Essen und Ernährung haftet etwas Profanes, Selbstverständliches an. Unser Alltagshandeln ist damit verknüpft wie kaum ein anderes Feld. Jedoch ist das Feld der Ernährung vielschichtiger, komplexer und vor allem politisch brisanter, als es auf den ersten Blick erscheint. Essen ist immer mehr als bloße Nahrungsaufnahme: es hat eine individuelle, gesellschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Bedeutung. Gleichzeitig sind in den Nahrungsmitteln vielfältige soziale und ökologische Verhältnisse verkörpert, die mit sozial-ökologischen Konfliktlinien kapitalistischer Globalisierung eng verknüpft sind. Die vielen Facetten veranschaulichen exemplarisch die Vielschichtigkeit und Komplexität gegenwärtiger Entwicklungstendenzen. Einige dieser Dimensionen sollen in diesem Heft entfaltet werden. Die Beiträge in diesem Heft versuchen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln und mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen den Themenkomplex Ernährung näher zu beleuchten. Olaf Bernau versucht in seinem Beitrag, das gegenwärtige globale Agrarsystem zu skizzieren. Neben einem Überblick über aktuelle Strukturen, Trends und der sozialen Realität des heutigen Agrarsystems, setzt er sich insbesondere kritisch mit der Kategorie der Kleinbauern bzw. bäuerlicher Landwirtschaft auseinander und versucht ein differenzierteres Bild der sozialen Realität und Unterschiedlichkeit von landwirtschaftlichen ProduzentInnen im Süden zu zeichnen. Der Beitrag von Philip McMichael versucht die gegenwärtig von vielen Regierungen vorangetriebenen Agrotreibstoffpolitiken nicht nur hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Lebensmittelsicherheit einzuschätzen, sondern auch vor dem Hintergrund der globalen Energie- und Klimakrise. Jacques Berthelot's Beitrag widmet sich der Frage nach den Ursachen der aktuellen Explosion der Lebensmittelpreise. Er konzentriert sich in seinem Beitrag auf Dynamiken auf den globalen Rohstoffmärkten und gibt einen kurzen Überblick über mögliche Lösungsvorschläge zur Stabilisierung dieser. Der Beitrag von Marita Wiggerthale ergänzt diesen Blickwinkel um die Dimension der Marktkonzentration im Nahrungsmittelsektor in der EU, insbesondere im Bereich der Supermärkte. Ihr Beitrag gibt auch einen Einblick in die politische Macht und Einflussnahme der Agro- und Lebensmittelkonzerne auf die Agrarpolitik - in diesem Fall am Beispiel der Agrarpolitik der EU. Dagmar Vinz beleuchtet demgegenüber das gegenwärtige Ernährungsregime aus einer zeitlichen und räumlichen Perspektive und fragt nach den sozialen und ökologischen Ursachen und Auswirkungen der „Enträumlichung und Entzeitlichung von Ernährung". Lisbeth Trallori lotet in ihrem Beitrag schließlich aus, wie sich im Feld der Ernährung die neoliberale Produktions- und Lebensweise in einer marktvermittelten Körperlichkeit niederschlägt und versucht dabei, mögliche Entwicklungstendenzen und -szenarien auszumachen.
Diesen analytischen Beiträgen, die versuchen einen Einblick und Überblick über aktuelle Strukturen und Dynamiken des Agrar- und Lebensmittelsystem zu geben, folgen zwei Beiträge, die sich mit der Suche nach Alternativen beschäftigen. Franziskus Forster stellt in seinem Beitrag das Konzept der Ernährungssouveräntität vor. Der Beitrag von Dieter Behr und Lisa Boyos setzt sich kritisch mit den Möglichkeiten und Grenzen der sog. „KonsumentInnendemokratie" auseinander und skizziert Handlungsmöglichkeiten für eine Veränderung des lokalen wie auch globalen Nahrungsmittelsystems.
Wir hoffen, dass die LeserInnen damit möglichst anregende und vielschichtige Perspektiven und Einblicke in dieses komplexe Thema erhalten. Wir hoffen auch, dass dieses Kurswechselheft auch Impulse zu einer breiteren und differenzierteren Debatte über die aktuelle Hungerkrise und mögliche Lösungsansätze dafür liefern kann.
Gleichzeitig ist dieses Heft auch als eine Einladung zur Reflexion der Alltagsverhältnisse lesbar, indem die hier versammelten Beiträge zur Lebensweise in Beziehung gesetzt werden können, um von hier aus nach Widersprüchen und möglichen Widerstandspraxen zu fragen. Es geht darum, die Alltagsverhältnisse aus moralisierenden, individualisierenden und entpolitisierten Diskursen und ihrem Dasein als „Privatangelegenheiten" herauszuholen und stattdessen die gesellschaftspolitischen Dimensionen und die in den Nahrungsmitteln enthaltenen Klassen-, Geschlechter-, Natur- und Eigentumsverhältnisse sichtbar zu machen.
Alexandra Strickner und Franziskus Forster
Inhaltsverzeichnis Kurswechsel 3/08
Werner Raza und Roland Atzmüller: Editorial
Catherine Needham: Olaf Bernau: Soziales Desaster. Globales Agrarsystem zwischen kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Agrobusiness
Philip McMichael: Agro-fuels, food security, and the metabolic rift
Jacques Berthelot: The food prices explosion: root causes and how to regulate them
Martia Wiggerthale, Alexandra Strickner: Bauern oder Lebensmittelunternehmen - wer hat das sagen? Marktkonzentration und ihre Auswirkungen auf den Agrar- und Nahrungsmittelsektor und die Politik in der EU
Dagmar Vinz: Enträumlichung und Entzeitlichung der Ernährung als Herausforderungen an eine nachhaltige Entwicklung
Lisbeth Trallori: Ein Festmahl für Cyborgs. Körper, Gene und Konzerne
Franziskus Forster: Ernährungssouveränität: Alternativen, Widerstand und Perspektiven. Über die gesellschaftspolitische Relevanz von Ernährung
Dieter Behr und Lisa Bolyos: Schlafende Riesen? Kritik des kritischen Konsums und Thesen zu Brüchigkeiten in der Wertschöpfungskette
Aktuelle Debatte: „Steuerreformdiskussion in Österreich"
Karl Goldberg: Die Entwicklung vermögensbezogener Steuern in Österreich
Cristopher Berka, Stefan Humer, Mathias Moser: Verteilungspolitische Implikationen der steuerlichen Begünstigung des 13. und 14. Monatsgehalts
Kommentar zu Kurswechsel Heft 3/2008: Ernährung und Ökonomie?
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